dicke tiere

April 30, 2006

Filed under: Uncategorized — halligalli @ 7:11 pm

in meinem kopf  steckt noch immer james turrell und kiki smith. gelesen und nicht gleich vergessen sondern verarbeitet und bearbeitet, verwurstet und etwas eigenes daraus geschlussfolgert. ich bin verliebt in meine arbeit und jetzt gerade habe ich liebeskummer, denn ich kann nicht arbeiten. tante margit hat mir heute erzählt, dass sie im moment keine lust hat, ihre blumen zu setzen, zu gießen, zu düngen und sonstwie zu pflegen. einfach keine kraft, kein antrieb. versteh ich, mir geht es so mit meinen bildern. da ist nichts. ich kann einfach nicht. sie auch nicht. ihre blumen sind meine bilder. wir haben beide die hände meines vaters gehalten und auf die anzeigetafel gesehen. die grüne linie, das ist die herzfrequenz. 51. die rote linie ist der blutdruck. 81. die weiße linie, das ist der zentrale venendruck.11. die hellblaue linie ist die sauerstoffsättigung des blutes.19. die beatmungsmaschine spricht auch zu uns, die sagt, heute ist der lungendruck tief und wir haben 50%, das ist besser als gestern, da waren es noch 65%. wir stehen also da und starren diese bunten linien an. die sprechen zu uns, mein vater und ihr bruder nicht. wir sagen dinge wie schokolade und rotwein und warten, ob die linien reagieren. manchmal steigt der blutdruck dann und wir deuten das als etwas. wie vertreibt man sich zwei stunden auf der intensivstation. der bettnachbar, heinz, hatte einen schlaganfall und hatte heute schon die augen geöffnet. das hat mich ehrlich gefreut auch wenn ich ihn gar nicht kenne. aber die ärzte haben gesagt, er wacht wahrscheinlich nie wieder auf. im zimmer daneben ist heute eine frau gestorben, während ich da war. nicht schnell, langsam. die angehörigen im flur sind verwelkt. minütlich. viele pfleger um ihr bett herum und nur blicke und zitternde hände, tränen. aber heinz hat es geschafft und ich flüstere meinem vater ins ohr, dass er sich ein beispiel an heinz nehmen soll. heinz wird über einen luftröhrenschnitt beatmet und schnappt manchmal nach luft mit dem mund, wie eine kaulquappe sieht er dabei aus und sein blick ist ins leere, er verdreht die augen zwar aber ich glaube, er nimmt mich nur als rosa-grünen farbfleck wahr. die schmerzmittel, das morpium, die drogen, der entzug. alle patienten, die wach sind, auf cold turkey hier. ich nehme das öl, das nach etwas esoterischen riecht und reibe mir die händ ein, die sind ganz ausgetrocknet, von ewig desinfektionsmittel hier und davor waren sie ausgetrocknet von ewig terpentin nach dem drucken. vorgestern habe ich ihm zwei stunden lang kalte wickel an armen, beinen und kopf gemacht und auch auf dem bauch, kaltes wasser mit pfefferminzöl und seine temperatur ist von 37,8 grad auf 37,0 grad gesunken. kleine erfolge machen glücklich. heute  massier ich  ein bißchen öl in die stirn ein, weil die haut so trocken ist. das wartezimmer für besucher ist deprimierend. es gibt nur broschüren über krankenhäuser und mildes mineralwasser und ein buch, in das sich die besucher eintragen müssen. aber wer macht das schon. ich schreibe meinen namen mit großen blockbuchstaben. keine unterschrift. es ist schwül im zimmer, ich muss ständig wasser trinken und dann aufs klo rennen. vielleicht auch die nervosität. ich hebe seine arme und beine und streiche die bettwäsche darunter glatt, die darf keine falten haben sonst bekommt er blasen auf der haut. er bewegt sich ja nicht. die aussicht ist nicht so besonders. man sieht nur noch mehr krankenhaus mit einer gelben plastikfassade. die wände sind gelb. die vorhangsstangen sind gelb. als wäre die intensivstation in vanillepudding getaucht. als letztes hat mein vater eine tiefkühlpizza gegessen. jetzt kriegt er nur noch weiße soße durch einen schlauch in die nase. sieht aus wie milch. alles ist milch, wie martin richtig schreibt. milch und sperma, die ursuppen des lebens. ich steh gerade so auf die farbe weiß. ihre unfarbigkeit. weiß ist gleich licht. chris burden hat in seiner installation “the fist of light” so helles licht erzeugt, dass schwarz zu weiss wird. meine wohnung ist frisch renoviert und alles strahlt weiss. wir sind heute geblendet und begeistert wie drei frisch geschlüpfte welpen durch die jungfräulichen räume gekrochen. die wände betastet und die türrahmen gestreichelt, auf leitern gestiegen und unter die spüle gekrochen. sie ist unser. sie ist neu. sie ist weiss. wer stirbt, sieht das licht am ende des tunnels.

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