ich kann mich nicht daran erinnern, wann es angefangen hat. meine eltern meinen, es war auf einmal da. ich war fünf jahre alt. das ist genau die zeit, in der aus dummen kindergebrabbel noch dümmere erwachsenensprache wird. es hat geheißen, etwas stimmt mit mir nicht. und ich musste zum arzt gehen. ich sollte meine zunge rollen und sätze nachsprechen. dann war ich bei einer logopädin aber einer sehr jungen. die war zwar lieb aber ich hatte das gefühl, die weiß nicht, was sie tut. und das als kleines kind. ich hab mit der gebastelt. und gespielt. das war zwar ganz nett aber ich hab mich eher wie ein labortier gefühlt. jemand, an dem sie ihre ersten praktischen erfahrungen macht. auf jeden fall hat das nichts geholfen. es wurde schlimmer. meine mutter hat mich dann von arzt zu arzt geschleppt. aber nicht die klassischen . sondern lauter alternativmediziner. von kinesiologie über heilende steine bis zu homöopathie und bachblüten hab ich einfach jeden scheiß, den es in der westlichen hemisphäre gibt, probiert. man kann meiner mutter keinen vorwurf machen, sie wusste es ja auch nicht besser. probieren geht über studieren. aber es war schrecklich. nichts half natürlich. jeder arzt erzählt mir was anderes, warum ich stotter. einer meinte sogar mal, eine mittelohrentzündung im kindergartenalter wäre daran schuld. die idee, dass vielleicht ein mißbrauch passiert sein könnte, auf die kam natürlich niemand. wenn ein kind von fünf jahren von einem tag auf den anderen plötzlich einen sprachfehler bekommt, dann muss das natürlich etwas mit seinen energiechakren zu tun haben, völlig klar! so verlor ich das vertrauen in die alternative medizin. ich könnte jedesmal kotzen, wenn mir jemand erzählt, wie toll das nicht ist. alles gehirnwäsche. die bei mir allerdings nicht funktioniert hat. in der volksschule hat es mich noch nicht sonderlich gestört. wenn ich stotterte und die anderen lachten, konnte ich mitlachen. noch dazu war ich anführerin einer bande von schlägern und wir hatten sie alle unter kontrolle. aufmucken - blut spucken. in gymnasium wurde es dann schwieriger. vermutlich auch durch die zarte morgendämmerung der jahrelangen emotionalen und physischen folter, die man pubertät nennt. es wurde mir wichtig, was andere von mir dachten. und wenn man keinen gerade satz zusammenbringt, fühlt man sich nicht unbedingt als superstar. natürlich war das ein teufelskreis. je unwohler ich mich beim sprechen fühlte, desto schlimmer wurde das stottern auch. und umgekehrt. dann hab ich das mit dem telefonieren aufgegeben. als kind hab ich noch gerne telefoniert. aber es kam der punkt, an dem es mir echt peinlich wurde, mich am telefon zu versprechen. spricht man von angesicht zu angesicht spielt auch die körpersprache eine große rolle. aber am telefon kann man sich nur über die stimme präsentieren. mit der zeit hab ich mich dann völlig geweigert, mit jemanden zu telefonieren. ich glaube, am schlimmsten war es in der zeit von 12-14. ich war ja nicht nur mit nem sprachfehler gesegnet sondern noch dazu mit ner festsitzenden zahnspange, akne und übergewicht. ein richtiger loser also. jemand, mit dem niemand auf partys kuschelrock tanzen wollte. gerettet hat mich wohl meine gottgegebene überheblichkeit, darauf basierend, dass mir schon von klein auf eingeredet wurde, ich wäre so wahnsinnig talentiert. musikalisch, künstlerisch, schriftstellerisch, blablabla. das mit dem schreiben hat mich immer besonders amüsiert. ich wurde immer besonders für meinen wortschatz gelobt. ohne stottern hätte ich den niemals. ich hab nämlich immer probleme, wenn zwei konsonanten aufeinander folgen. welche besonders schwierig zum aussprechen sind, das wechselt wie die jahreszeiten.jahrelang konnte ich keine wörter aussprechen, in denen ein “kl” am anfang stand. oder ein “pl”. momentan kämpfe ich gerade mit “schl” und mit “fr”. man entwickelt aber als stotterer so seine strategien. meine war, mir einfach anderer wörter mit der gleichen bedeutung zu suchen. flexibilität also, immer eine kleine auswahl parat haben. das erforderte natürlich hohe denkgeschwindigkeit. aber mit der zeit wird es zum automatismus und man muss nicht mehr über worte nachdenken, die für andere eingesetzt werden könnten. dass ich so kreativ schreibe, liegt also nicht daran, dass ich die reinkarnation von goethe oder schiller bin. sondern daran, dass ich beim sprechen geschummelt hab. feigheit könnte man es auch nennen. dem eigentlichen problem aus dem weg gehen. meine persönliche überlebensstrategie, voila. sehr einfallsreich bin ich auch darin, dem telefonieren aus dem weg zu gehen. es ist, un das kann ich voller überzeugung sagen, meine größte angst. mit freunden oder familie ist es mittlerweile kein problem mehr. aber mit fremden leuten zu sprechen, hölle! wenn ich weiß, dass ich in ein paar tagen mit jemanden telefonieren muss und es keinen weg daran vorbei gibt, werde ich gleich depressiv oder zumindest so schlecht gelaunt, dass ich alle menschen in meiner näheren umgebung für meine eigenen unzulänglichkeiten verantwortlich mache und sie nerve. ich kann nachts nicht schlafen. ich fühl mich am rande einer panikattacke. ich hatte so etwas glücklicherweise noch nie aber ich kann mir dann sehr gut vorstellen, wie es sein muss. wenn mir leute dann erzählen “dass sie auch nicht gerne telefonieren”, dann kommt mir das wie purer hohn vor. der vergleich ist übertrieben aber ich erzähl jemanden, der gerade ne chemotherapie macht, nicht “dass ich auch nicht gerne krank bin”. das ist wie bei jemanden mit flugangst oder angst vor großen plätzen. die angst ist irrational. aber sie ist riesengroß und sie ist da und man kommt mit auch mit obergscheiten sprüchen nicht daran vorbei. wie komplex der gesamte sprachapparat eigentlich ist, merkt man erst, wenn er nicht mehr einwandfrei funktioniert. stottern ist schwer zu beschreiben. ich höre oft “zuerst denken, dann reden.” die leute, die das sagen, könnte ich mit einer großkalibrigen handfeuerwaffe erschießen. das ist nicht das problem. viel eher, dass ich während dem sprechen zuviel denke. ein mensch ohne sprachfehler plappert einfach so munter drauf los. ich muss vor jedem satz, den ich sage, den satz überprüfen, ob eventuelle stolpersteine darin versteckt liegen, wenn ja, dann muss ich möglichkeiten erörtern, diese stelle zu vermeiden, ist das nicht möglich, überlege ich mir oft einen völlig anderen satz oder lasse ich gleich aus. damit ich das alles mit dem sprechen irgendwie koordinieren kann, muss ich also schon drei sätze im voraus denken. wärend ich ein wort sage, bin ich in gedanken schon 20 wörter weiter. dabei passieren wiederum völlig andere fehler. wie dass ich meine atmung nicht mehr kontrollieren kann. oder mich verhaspele und wörter überspringe oder vertausche. dann kommt es zum kollaps und ich krieg gar kein wort mehr raus. dann steh ich da und bin im wahrsten sinne des wortes stumm. meistens nur für ein paar sekunden dann geht es wieder aber diese paar sekunden sind schlimm genug. ich rede ja nicht allein vor dem spiegel, ich rede ja immer mit einem oder mehreren gegenüber. wenn ich die leute gut kenne, dann ist es ok aber dann stotter ich meistens auch nicht. bei fremden leuten ist es mir immer wahnsinnig peinlich. ich kann denen ja nicht erklären, warum ich jetzt so komisch spreche. die leute denken dann, ich wäre auf drogen. oder besoffen. oder einfach nur dumm. oder geisteskrank. ich bin nicht paranoid. ich habe oft genug so sachen erzählt bekommen. menschen meinten zu mir “am anfang, wo ich dich kennengelernt hab, da hab ich gedacht, du wärst auf drogen/besoffen/dumm/ein psycho aber dann ist mir aufgefallen, dass du nen sprachfehler hast.” nun, der erste eindruck zählt ja bekanntlich am meisten. und der geht bei mir des öfteren daneben. ich merke auch, wie die leute mir gegenüber erst offen und freundlich werden, wenn sie kapieren, warum ich so spreche. natürlich nicht alle, natürlich nicht immer. naja trotzdem nicht toll. schlimm ist es auch, wenn mir jemand erzählt “dass er auch nicht gerne mit fremden leuten spricht.” so ein scheiß. das ist doch überhaupt nicht mein problem. ich habe keine sozialphobie. im gegenteil. ich bin eine gesellschafts- und small talk hure. in wahrheit. ich hab keine angst vor den menschen. ich hab angst vor mir selber und meiner unfähigkeit. ich liebe es, im mittelpunkt zu stehen. ich liebe es, vor vielen anderen leuten zu sprechen. ich wollte früher immer theater spielen. bis ich dann eingesehen hab, dass ich es nicht kann. sprachlich gesehen. wenn ich in der schule ein referat gehalten hab, hab ich immer bis auf die ersten drei sätze, einwandfrei und fließend gesprochen. auf referate hatte ich immer sehr gute noten. es hat also nichts damit zu tun, dass ich nicht auffallen möchte. ich spreche meistens sehr laut. was ungewöhnlich ist, wenn man stottert. meine sprachfähigkeit verlässt mich eben hin und wieder. als kind hab ich viel überlegt, warum das gerade mir passiert. es ist sehr selten, dass mädchen stottern. ich dachte mal, ich hätte einfach nie richtig sprechen gelernt. und hab mir dann selbst zuhause alle kinderbücher laut vorgelesen. aber das hat nichts geholfen. dann dachte ich, ich hätte in meinem letzten leben mal etwas ganz schlimmes gesagt. und wäre jetzt dafür bestraft worden. die ursachen dafür kennt man nicht. alles rein hypothetisch. es ist auch nicht heilbar. man kann nur lernen, damit umzugehen. alte mechanismen loszuwerden und neue einüben. ängste überwinden, jeden tag aufs neue. ein mann meinte mal zu mir, er fände das süß, wenn ich stotter. das hat mich so glücklich gemacht. zumindest einer sieht darin etwas liebenswertes. und nichts unangenehmes. oder lächerliches. manchmal hab ich so gute phasen, dass ich überhaupt keine fehler beim sprechen mache. wenn ich in dieser zeit leute kennenlerne, dann lachen die mich immer total aus, wenn sie mich zum ersten mal stottern hören. zuerst lache ich mit. dann erkläre ich es ihnen. das ist dann allen wahnsinnig peinlich. und mir auch, weil es ihnen peinlich ist. ich meine, es hört sich ja wirklich bescheuert an. jemand meinte mal zu mir, es würde mir gut tun, wenn ich in eine selbsthilfegruppe gehe. meine antwort darauf war: nein, das könnte ich niemals, ich müsste die alle so auslachen. ich fand den film “ein fisch namens wanda” auch total lustig. obwohl der sehr ambivalente gefühle in mir geweckt hat. so stark ist das stottern bei mir glücklicherweise nicht. aber wenn selbst ich darüber lachen muss, wie kann ich dann anderen böse sein? trotzdem versetzt es mir jedesmal nen kleinen stich. auch wenn ich selber mitlache. auch schlimm ist es, wenn die leute die sätze für mich fertig sprechen. hallo, ich kann das selber. ich finde das unhöflich. das ist, wie ne oma über den zebrastreifen zu schieben, ohne, dass sie gefragt hat. man kann doch gar nicht wissen, wo sie hinwill. ist anmaßend. am liebsten sind mir die, die es einfach ganz gelassen ignorieren. und das schaffen, ohne dass peinliches schweigen entsteht. das ist das schlimme am vor anderen leuten sprechen. wenn es plötzlich ganz still wird, nur weil ich zu stottern beginne und mich alle anstarren und darauf warten, ob ich jetzt das wort rauskriege oder nicht. der vorteil von dem ganzen ist, dass ich die leute damit zwinge, mir konzentriert zuzuhören. mich überhört man meistens nicht. wenn jemand nen eigenen rythmus hat, fällt das auf. wie in einem orchester, wo plötzlich ein instrument falsch spielt. dann hören alle nur noch dieses eine instrument und nicht mehr das orchester. alles in allem wäre ich nicht die person, die ich heute bin, hätte ich nie einen sprachfehler gehabt. mittlerweile ist es nicht mehr eine krankheit, eine behinderung, es ist teil meiner persönlichkeit. und ich mag meine persönlichkeit, auch wenn ich mir des öfteren selbst gewaltig auf die nerven gehe. es fällt mir nur wahnsinnig schwer darüber zu sprechen. weil es niemand verstehen kann, dem es selber so geht. wer nicht weiß, wie das ist, wenn man panische angst davor hat, seinen nachnamen vor anderen leuten zu nennen, nur weil da zufällig der konsonant L auf den konsonanten V folgt, hat einfach keine ahnung. mir ist es peinlich. nicht das stottern an sich. sondern dass ich noch immer so feige bin und so vielen situationen aus dem weg gehe. anstatt mich ihnen zu stellen. aber alles halb so wild. ich seh ja zum glück geil aus.